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| Abriss mit schwerem Gerät (Foto: Michael Jurek, Pixelio) |
Mut zur Lücke: Abriss als modernes Mittel der Stadtplanung
26.07.2011, 12:16 Uhr
Ob nun eher der Schrecken der Klimakatastrophe, der des Fukushima-Unglücks oder die Angst angesichts grüner Umfrage-Höhenflüge der Grund ist: Die Regierung in Berlin hat die Energiewende beschlossen und dabei erkannt, dass es nicht zuletzt auf effizient gedämmte Häuser ankommt. Denn laut einer Studie im Auftrag des Bundes-Wirtschaftsministeriums wird mehr als 35 Prozent der Endenergie in Deutschland für Heizung und Warmwasser verbraucht – in Wohnhäusern sowie gewerblichen und öffentlichen Immobilien. Betrachtet man die Wohnhäuser einzeln, sind Heizung und Warmwasser sogar für rund 85 Prozent des Endenergieverbrauchs verantwortlich. Zum Vergleich: Die Beleuchtung und damit die heftig geführte Debatte um die Energiesparlampen spielt sich im Bereich von 1,7 Prozent des häuslichen Energieverbrauchs ab.
Wenn man bedenkt, dass Energiesparen besser ist als auch die beste regenerative Energiequelle, dann lassen die Zahlen nur einen Schluss zu: Dämmen tut Not! Nun könnte man losziehen und alle rund 40 Millionen Wohnungen in Deutschland mit Vollwärmeschutz bepflastern. Die Bau- und Baustoffindustrie würde sich die Hände reiben. Genau diese Strategie scheinen einige der neuen Gesetzesentwürfe aus Berlin auch bezwecken zu wollen. 1,5 Milliarden Euro will die Bundesregierung bereits ab 2012 in das KfW-Gebäudesanierungsprogramm pumpen. Weitere 1,5 Milliarden soll sich der Staat den Regierungsplänen zufolge die Wärmedämmung in Form von Steuervergünstigungen kosten lassen. Allerdings hat der Bundesrat diesen Teil der Energiewende vorerst gestoppt, weil die Länder Steuerausfälle fürchten.
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| Nicht mehr zu retten?! (Foto: Karl-Heinz Gottschalk (goka), Pixelio) |
Genau diese erzwungene Denkpause könnte sich als Glücksfall erweisen. Denn das flächendeckende Sanieren aller Altbauten ist keineswegs die intelligenteste Lösung, um den Heizenergiebedarf zu verringern. Bemerkenswerterweise liefert ausgerechnet die Bau- und Baustoffwirtschaft ein Gegenargument gegen diesen Kurs. Eine Studie, die von mehreren Bau-Lobbyverbänden in Auftrag gegeben wurde, kam zu dem Ergebnis, dass fast zwölf Prozent der Ein- und Zweifamilienhäuser und rund 10,5 Prozent der kleineren Mehrfamilienhäuser nicht wirtschaftlich zu modernisieren sind. Bei ihnen lohnt sich der Umbau nach Energiespar- aber auch nach Komfortbedingungen einfach nicht mehr. Das umfasst immerhin gut zwei Millionen Gebäude. Die Studie rät klar zum Abriss – dann allerdings zum Bestandsersatz, also zum Neubau.
Doch genau bei dieser Forderung liegt der Denkfehler. Viel sinnvoller wäre es doch, diese nicht mehr modernisierbaren Häuser abzureißen und einen großen Teil eben nicht mehr aufzubauen. Wohnungsmangel droht trotzdem nicht. Angesichts der dramatisch zurückgehenden Bevölkerung in einigen Regionen könnte es sogar den Immobilienmarkt stabilisieren. Selbst die Studie geht bundesweit von 5,5 Prozent leerstehender Wohnungen aus. Sachsen-Anhalt erreicht sogar 13,3 Prozent, Nordrhein-Westfalen als West-Bundesland mit dem höchsten Leerstand immerhin noch 3,9 Prozent.
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| Baulücke mit Potential (Foto: Karl-Heinz Gottschalk (goka), Pixelio) |
Die Schlussfolgerung kann also nur lauten: Mehr Mut zum Abriss! Damit ergibt auch das Anreizprogramm der Bundesregierung mehr Sinn. Denn dieses Geld und zusätzliche private Investitionen würden nicht mehr in teure Sanierungsversuche fließen, die ohnehin keinen Zweck mehr haben, weil die Energieeinsparung nie wieder die Bauinvestitionen aufwiegen würde, und auch nicht in Neubauten, die angesichts großer Leerstände überhaupt nicht gebraucht werden. Die dann noch stehenden, ökonomisch und ökologisch sinnvollen Dämm-Objekte dürften immer noch ausreichen, um den Baustoff-Firmen einen ordentlichen Umsatz zu bescheren.
Natürlich kommt der ersatzlose Abriss nur für einen Teil der Gebäude in Frage. Kulturhistorisch erhaltenswerte Ensembles und Einzelhäuser fallen raus, nicht aber minderwertige denkmalgeschützte Gebäude. In Regionen mit Wohnraum-Mangel sind ersatzlose Abrisse natürlich auch nicht angebracht. Außerdem muss der Abriss in das Ortsbild passen. Stark verdichtete Siedlungskerne können durchaus gewinnen, wenn an die Stelle eines nicht erhaltenswerten Hauses eine Grünfläche tritt. Das gilt für die großen Metropolen, aber auch für ländliche Regionen. Auch dort sind seit etwa 1930 große Bausünden begangen worden, als auch die Dörfer für den Autoverkehr „optimiert” wurden. In anderen Siedlungen könnte man am Ortsrand Häuser abreißen und damit die Stadt zu Gunsten des Naturraums schrumpfen lassen. Andernorts mag eine weitere Durchlöcherung das Stadtbild zerstören.
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| Bausünde aus Beton (Foto: Fotolia) |
Der Abriss als Mittel der Stadtplanung ist ein sinnvolles Instrument. Man muss nur den Mut haben, sich von dem Leitbild des „Immer größer, immer mehr” zu verabschieden – auch in der Bauwirtschaft. Dieser Gesinnungswandel reicht jedoch nicht. Es müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, nicht zuletzt baupolitische und kommunalfiskalische. Schließlich finanzieren sich Kommunen bislang erheblich über den Verkauf von Bauland. Ein Abriss bringt ja erst mal keine Einnahmen. Auch müssen Anreize entstehen, die Gebäude, die bei einer Abrisskampagne übrig bleiben, zu modernisieren und mit neuem Leben zu erfüllen. Und wenn tatsächlich die Chance zur Aufgabe ganzer Stadtteile besteht, müssen praktikable und menschlich anständige Strategien für die Einbeziehung von Bewohnern und Immobilienbesitzern in diesen Arealen entwickelt werden.
Das sind große Aufgaben. Denn schließlich fließen hier zwei große Herausforderungen unserer Zeit zusammen: die Energiewende und der demografische Wandel. Hier sind kreative, kluge und auf Jahrzehnte tragfähige Lösungen gefragt. Einige sehr spannende Ansätze hat die Internationale Bauausstellung 2010 in Sachsen-Anhalt erbracht. Politiker und Beamte von den Kommunen bis zum Bund, Wissenschaftler und auch die Bauwirtschaft täten gut daran, sich intensiv mit ihnen auseinanderzusetzen und sie weiterzuentwickeln.
Volker Thies