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Grünes Vergnügen für die ganze Familie (Foto: Meine Ernte)

Ab auf den Acker! Wenn aus Städtern Bauern werden

28.06.2011, 13:33 Uhr

Urban Gardening ist ja nichts neues mehr. Egal ob auf dem Balkon, im Hinterhof oder auf gemeinschaftlich genutzten Brachflächen, der Städter hegt sein kleines Grün mit viel Liebe. Da gedeihen die Tomaten im Blumenkasten, die Erdbeeren in der Blumenampel, und sogar Kartoffeln trotzt der hartnäckige Urban Gardener dem städtischen Dschungel ab. Man mag es eben öko heutzutage – in Zeiten von EHEC, Dioxin und Co kaum verwunderlich, sogar sehr verständlich. Dem Landkind in mir ringt es ein mildes Lächeln ab, wenn stolze Stadtbauern vom unglaublichen Ertrag ihrer fünf Kartoffelpflanzen erzählen. Für mich verbindet sich die Erinnerung an die Kartoffelernte noch mit dem schier endlosen Acker meiner Großeltern, auf dem 20 Leute im Akkord und mit viel Spaß die Knollen ernteten. Trotzdem ist die Begeisterung ansteckend, und die Tomate, die von klein auf liebevoll gehegt, sorgsam gegossen und vor Wind, Regen und Schädlingen geschützt wurde, schmeckt auch mir gleich viel besser. Ganz nebenbei tun die eifrigen Pflanzenfreunde viel für das Stadtbild, schaffen grüne Flecken und erhöhen die Lebensqualität aller.

Doch einigen Stadtmenschen reicht das nicht mehr. Sie möchten raus, in die Natur, träumen den Traum von biologischer Selbstversorgung und den eigenen, der Erde abgetrotzten Lebensmitteln. Doch dafür die Bequemlichkeit der Städte verlassen, wollen sie nicht. Schon gar nicht aufs Land ziehen. Ohne Starbucks in Reichweite, Kino, Clublounge und die Lieblingsboutique ? So weit geht die Liebe zur Natur dann doch nicht. Jetzt könnte sich der Leser fragen, wo denn das Problem liegt. Sind wir Deutschen doch ein Volk leidenschaftlicher Schrebergärtner und haben im Laufe der Jahrzehnte unzählige grüne Inseln mitten in den Städten entwickelt. Doch nicht jeder möchte sich eine solche Verantwortung aufbürden. Der verbindliche Mietvertrag, diese vielen Vorschriften. Und womöglich spießige Nachbarn mit Gartenzwergen, denen man nicht aus dem Weg gehen kann. Nein, das entspricht nicht dem Ideal des hippen, aber ökologisch verantwortungsvollen, urbanen Individualisten.

Was wächst denn da? (Foto: Meine Ernte)

Offenbar ist hier eine Marktlücke entstanden, denn nun gibt es die maßgeschneiderte Lösung: den Mietacker. Zwei findige Geschäftsfrauen vermieten saisonweise ein Stückchen Land an Natur liebende Städter, wahlweise die Single-Variante für 179 Euro oder die Famillien-Parzelle für 329 Euro. Gegen diese Gebühr empfängt den Ackergast dann eine bereits fachmännisch bepflanzte 45 bis 85 Quadratmeter messende Flucht aus den Mühen des städtischen Lebens, auf der er einen Frühling und Sommer lang die Ernte hegen und pflegen kann. Natürlich sind ausreichend Parkplätze für den Familien-SUV in direkter Nähe der ökologisch wertvollen Freizeitbeschäftigung vorhanden, auch wenn die Betreiber die Anreise mit den Öffentlichen oder dem Rad empfehlen. Alle nötigen Gerätschaften und grundlegende Dinge wie das Gießwasser werden den Landbesitzern auf Zeit zur Verfügung gestellt. Und um auch in Sachen Outfit ganz vorn mit dabei sein zu können, bietet der Online Shop von „Meine Ernte” gleich eine kleine Auswahl an modisch gemusterten Gummistiefeln sowie den passenden Strohhut an.

Ich muss gestehen, hier entwickelt sich mein mildes Lächeln rasch zu halb neugierigem, halb ungläubigem Staunen. Fast verlangt es mich danach, mit Klappstuhl, Sonnenschirm und einer Kühlbox an den nächsten Mietacker zu ziehen, um dem bunten Treiben in voyeuristischer Manier beizuwohnen. Aber eben nur fast. Denn trotz der hehren Prinzipien der Mietacker-Aktion, der tollen Aussicht auf eigenes Gemüse, der Möglichkeit, Kinder für die Natur zu begeistern, hinterlässt das Gesamtbild eher Befremden. Vorbepflanzte Äcker zu Saisonmieten mit eigener Facebook-Seite verbreiten den schalen Geschmack von Bio-Face, äh, Fake. Zwar macht die allgemeine Tendenz hin zur Ökologie viel Freude und lässt für die Zukunft Gutes hoffen, doch manchmal treibt sie eben auch kuriose Blüten. Apropos Blüten: Blumen sind auf dem Mietacker selbstverständlich auch eingeplant. Und natürlich schon gepflanzt.

Carmen Rudolph

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