justpublish!MEDIA
 
 
Viel Glas: Ein Haus, das tiefe Einblicke gewährt (Foto: privat)

Exhibitionismus, Schutzbedürfnis und Fenster. Oder: haben Sie Lust auf eine Wette?

22.02.2011

Ist es Fluch oder Segen, dass einem Journalisten, der sich mit Architektur und Wohnen befasst, die Recherche häufig so leicht gemacht wird? Der Fortschritt mancher Bauvorhaben drängt sich einem ja manchmal förmlich auf, weil man täglich an ihnen vorbeikommt. So wie an dem Haus, das Sie hier auf dem Foto sehen. Seit Frühjahr 2010 wird es auf der Baulücke neben dem Haus, in dem unsere Redaktionsräume sind, errichtet, und demnächst habe ich dann von der Dachterrasse vor meinem Büro den perfekten Blick auf die der neuen Nachbarn. Na, wir werden uns schon verstehen.

Aber noch einmal zu dem Foto. Es ist ja unübersehbar: Die Wohnungen gewähren jede Menge Einblicke. Bodentief sind die Fenster, verglast die Balkonbrüstungen. In einem halben Jahr, wette ich mit Ihnen, wird man an dieser Fassade den ganzen Artenreichtum von Möglichkeiten wiederfinden, Einblicke zu verhindern. Wir werden sehen:

- Plissee-Rollos, die den Vorteil haben, dass man sie auch von unten nach oben schließen kann, dabei aber mit dem Charme einer vielfach gefalteten Brötchentüte aufwarten;
- satinierte Folien, wie sie sonst gerne in WC-Fenstern verwendet werden;
- den ganzen Tag über geschlossene Alu-Rollos;
- üppig wuchernde Pflanzen in überdimensionalen Töpfen;
- Bastmatten oder Segeltuch an den Balkonbrüstungen.

Das glauben Sie nicht? Ich beweise es mit einem Foto, das ich in sechs Monaten an dieser Stelle posten werde. Und sollte ich tatsächlich meine Wette verlieren, lade ich Sie zum Sektempfang auf meiner Dachterrasse ein (von wo aus wir den Nachbarn zuprosten können).

Ist es nicht verblüffend? Die Art, wie Menschen Einblicke durch ihre Fenster zu verhindern suchen, zeugt von der Ahnungslosigkeit der Architekten oder Bauherren, die diese Fenster zu verantworten haben. Oder von ihrer Ignoranz? In der Straße, in der wir wohnen, steht ein Mehrfamilienhaus aus der Zeit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, das der wohlmeinende Eigentümer im Zuge der Modernisierung mit bodentiefen Fenstern ausstatten ließ. Er hatte wohl den Verheißungen der Wohnpresse und Verkaufsbroschüren geglaubt, das schaffe ein großzügiges Wohngefühl. Sicher hatte er aber nicht damit gerechnet, dass im Hochparterre Mieter einziehen würden, die halbhohe Paravents mit bunt bedruckten Tüchern vor die Fenster stellten, um sich weniger beobachtet zu fühlen. Der Anblick: grotesk. Aber wenn es nun mal dem Sicherheitsbedürfnis dient?

Es gibt in der Architektur die Tendenz, das Schutzbedürfnis der Menschen geringer zu werten”, kommentiert der Architekturpsychologe Riklef Rambow. „Wichtiger sind Kommunikation und Offenheit.” Und wenn man die nicht möchte oder ertragen kann, muss man sich eben behelfen. Was der Wirkung der Architektur selten dienlich ist.

Buch: Wohnbedürfnisse erkennen, Räume gestalten. Mit umfangreichem Test. 144 Seiten, 60 Fotos, 19,99 Euro

Wie sich das Verhältnis von Schutzbedürfnis und Öffnung von Häusern und Wohnungen positiv gestalten lässt, darüber schreibe ich ausführlich in meinem gerade erschienenen Buch „Welcher Wohntyp sind Sie?” Schauen Sie doch mal hinein.

Sven Rohde


Empfehle dies deinen Freunden. Ihren XING-Kontakten zeigen 

Neueste Einträge

Wohnen auf dem Wasser
Solartechnik: mehr als nur Silizium
Schöne neue Welt
Und täglich dröhnt der Laubpuster!
Wasserstoff: Die Antwort auf alle Energie-Probleme?
...ältere Einträge anzeigen
Abonnieren Sie den justpublish! RSS-Feed!