 |
| Wohnen im Kanalrohr (Foto: Dietmar Tollerian, www.dasparkhotel.net) |
Unfug oder Aufruf zum Nachdenken? Häuser aus Müll
03.05.2011, 14:27 Uhr
Warum eigentlich immer mehr Müll erzeugen, wenn schon so viel ungenutzt herumliegt? Eine berechtigte Frage, besonders in der Architektur: Etwa die Hälfte aller der Erde entnommenen Rohstoffe werden beim Bauen verbraucht. Über 60 Prozent des weltweiten Abfalls kommen aus dem Bausektor.
Seit einiger Zeit gibt es eine Gegenbewegung in der Architektur, die Müll als Basis für ihre Entwürfe versteht. „Superuse” nennt sich die Abfall-Avantgarde, vor kurzem traf sie sich in Rotterdam zum Austausch (www.superuse.org). Es sind Planer wie der kanadische Designer Richard Kroeker, der ein Haus aus alten Telefonbüchern baute. 7000 Bücher stapelte er gemeinsam mit Studenten zu Wänden und Decken. Ein Metallgerüst hält die Telefonbuchfassade. In die dicken Wälzer ließen sich problemlos Schrauben eindrehen, schwärmt Kroeker. Eine sinnvolle Sache ist auch das Parkhotel Bernepark. Hier nächtigen die Gäste in umgebauten Kanalrohren (www.dasparkhotel.net).
Auch 2012Architecten aus Rotterdam experimentieren seit Jahren mit Bauten und Installationen aus Recyclingmaterialien. Es gibt kaum etwas, das vor der Experimentierfreude der drei holländischen Architekten sicher wäre: Aus alten Waschmaschinenfronten, Autoreifen, Kühlschranktüren und Segeltuch konstruierten sie einen Pavillon. Für den Innenausbau eines Schuhgeschäfts in Scheveningen kamen alte Holzlatten und Auto-Windschutzscheiben zum Einsatz.
 |
| Villa aus Müll (Foto: Allard van der Hoek, www.flicker.com) |
Vorläufiger Höhepunkt: das erste komplette Wohnhaus aus Abbruchmaterialien, die Villa Welpeloo in Enschede. Für das Wohnhaus eines kunstbegeisterten Paares klaubten die Architekten Abbruch- und Abfallmaterialien zusammen, die sie im Umkreis von 15 Kilometern rund um das Grundstück fanden. In der hohen, weitläufigen Halle des Neubaus hängen Gemälde, eine alte Theaterkulisse dient zum platzsparenden Lagern der Kunstwerke. Die Fassaden und Innenwände sind mit Brettern aus alten Kabeltrommeln verkleidet. Für den verglasten Wintergarten nutzen die Planer Produktionsabfälle aus einer nahegelegenen Glasfabrik. Selbst die Dämmung besteht aus Reststoffen: von einem nahen Wohnwagenhersteller, der für seine Karosserien Polysteroldämmung verwendet. Der Verschnitt, der bei der Herstellung der Fensterausschnitte anfällt, dämmt nun die Villa Welpeloo. Insgesamt bestehe das Gebäude zu rund 70 Prozent aus wiederverwendeten Materialien, schätzen die Architekten.
Freilich: Durch Häuser aus Müll verschwindet der Abfall nicht. Und Materialien wie Plastik, Polysterol oder alte Autoreifen haben auch keine besonders vorbildliche Öko-Bilanz. Aber soll man deshalb Abfall, der bereits da ist, einfach wegwerfen?
Ich halte die „Superuse”-Projekte für sinnvoll, denn sie nutzen Müll, der sonst aufwändig entsorgt werden müsste. Ein Prozess, der erneut Energie kostet. Indem sie Materialien in ungewohnter Umgebung einsetzt, macht die Reststoff-Architektur das Abfallproblem überhaupt erst zum Thema.
Und das ist dringend notwendig. Denn während wir täglich penibel zwischen Papiermüll, Kunststoff, Bioresten und Sondermüll trennen, ist man beim Bauen häufig weit weniger sorgsam. In der Euphorie etwas Neues geschaffen zu haben, tritt der spätere Rückbau oder Abriss in den Hintergrund. Das ist menschlich verständlich, aber für die Umwelt verheerend.
Die Müll-Architektur wird dieses Problem nicht vollständig lösen. Sie entbindet Hersteller und Architekten nicht von der Pflicht weiter darüber nachzudenken, wie sich Baustoffe besser trennen und wiederverwerten lassen. Aber sie taugt als Aufruf und Hingucker – Das hätte man Müll bis vor kurzem gar nicht zugetraut.
Michael Brüggemann
|
 | |  | | |
|