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Schlichte Konstruktion: das Pinwheel-Haus für das schmale Budget. (Foto: MIT)

Höchste Zeit für mehr Bescheidenheit: Pinwheel-Häuser

05.10.2011, 16:52 Uhr

Immer größer, schneller, komfortabler: Der Drang, Vorhandenes stetig weiterzuentwickeln und zu verbessern, liegt in der Natur des Menschen. Und ist natürlich eine großartige Sache, sonst wären wir heute nicht da, wo wir sind. Fatal nur, wenn das permanente Streben nach dem Maximum nur noch von der Geldgier bestimmt wird, ist sie doch der eigentliche Grund für viele Probleme, mit denen wir uns heutzutage herumschlagen: Wertpapier- und Kreditblase an den Börsen, Preistreiberei durch Nahrungsmittelspekulation und nicht zuletzt die Zerstörung unserer Umwelt, um nur einige Punkte zu nennen.

Nun, vielleicht wird es höchste Zeit für mehr Bescheidenheit.
In der Baubranche könnte uns ein neues Forschungsprojekt des Massachusetts Institute of Technology (MIT) den Weg weisen, künftig zumindest weniger Ressourcen zu verbrauchen. Die Vorgabe des MIT lautet, ein Haus zu entwickeln, das für 1000 Dollar gebaut werden kann. Zugegeben: Das Vorhaben, das unter dem Titel „Pinwheel” (zu Deutsch „Windrädchen”) firmiert, ist nicht primär für den mitteleuropäischen Markt gedacht. „Pinwheel” soll vor allem Opfern von Naturkatastrophen eine preiswerte und schnell errichtete Wohngelegenheit ermöglichen.

Dennoch: Wären Pinwheel-Häuser nicht grundsätzlich auch für unsere Breiten vorstellbar? Ein Markt dafür wäre sicher vorhanden. Etwa unter den jungen, mobilen und leider oft schlecht bezahlten Köpfen der Kreativbranche. Wenn die nämlich für befristete Projekte mal einen Monat in Berlin, dann in London und anschließend in Hamburg ihren Laptop aufklappen, könnte ein Eigenheim für 1000 Euro eine interessante Alternative zu den hohen Mieten in diesen Metropolen sein. Einen Haken hat die Sache allerdings: Ein Bauplatz in einer der boomenden Citys ist teuer, und auch ein Pinwheel-Haus braucht schließlich eine Fläche, auf der es steht.

Eine andere Zielgruppe könnten junge Familien oder Studenten sein, die mit ihrem Einkommen haushalten müssen. In diesem Marktsegment haben Low-Budget-Produkte durchaus Chancen, wie das Beispiel der Autoindustrie zeigt: So manches kostengünstige Auto aus osteuropäischer oder chinesischer Produktion verkauft sich in Deutschland ganz hervorragend. Zwar muss man in dem Fall auf die ein oder andere technische Bequemlichkeiten verzichten, aber viele nehmen den geringeren Komfort gern in Kauf, wenn sie dafür einen Neuwagen bereits für rund 7000 Euro bekommen. Ähnlich könnte es auch mit Pinwheel-Häusern sein.

Die ursprüngliche Version des Billighauses steht im chinesischen Mianyang. Der Architekt Ying Chee Chui entwickelte es als Reaktion auf das starke Erdbeben in der Provinz Sichuan im Jahr 2008. Tony Ciochetti vom MIT-Zentrum für Bauprojekte holte sich die Inspiration für das Pinwheel-Projekt unter anderem aus diesem chinesischen Bau-Experiment. Allerdings: Ganz so weit ist es noch nicht - zumindest, was die Kosten betrifft, denn die 1000-Euro-Marke ist noch lange nicht erreicht. Chui schaffte es beim Prototyp lediglich, die Baukosten auf knapp 6000 US-Dollar zu drücken. Allerdings ist das Modellhaus mit 800 Quadratmetern größer dimensioniert als die MIT-Vorgabe, die nur 500 Quadratmeter vorsieht. Die kleinere Variante könnte für etwa 4000 US-Dollar realisiert werden, schätzt Chui. Sein Haus besteht aus hohlen Ziegelwänden mit Stahlstreben als Verstärkung und hölzernen Hohlkästen für die Innenräume. Es soll Erdbeben bis zur Stärke acht auf der Richter-Skala überstehen. Der Innenraum ist modular aufgebaut, in der Mitte gibt es einen kleinen Hof. Die einfache Konstruktion erleichtert das Anlernen der Bauhandwerker: „Wenn man weiß, wie man ein einzelnes Modul baut, weiß man auch, wie man ein vollständiges Haus baut”, erläutert Ying Chee Chui.

Doch zurück zum Thema Bescheidenheit: Während der chinesische Architekt und die MIT-Forscher vor allem die Elends- und Katastrophengebiete der Welt im Blick haben, könnte das Projekt hierzulande umweltbewusste und sparsame Bauherren ansprechen, die den geringen Ressourcenverbrauch und die niedrigen Kosten schätzen und dafür eine unkonventionelle Konstruktion und weniger Komfort in Kauf nehmen. Doch ob sich Pinwheel und Co. auf Dauer auf dem deutschen Markt durchsetzen, darf bezweifelt werden. Immerhin gibt es neben den üblichen Ansprüchen an ein „richtiges” Haus auch noch die umfangreichen Vorschriften zu Statik, Brandschutz und Wärmedämmung. Letztlich entscheidend wird aber sein, ob sich Bauherren für das minimalistische Bauen begeistern können. Nicht umsonst verbreitet sich das Billig-Fertighaus, das der Möbelgigant Ikea 2010 auf den Markt brachte, nur schleppend. Trotz intensiven Marketings gibt es bislang nur eine einzige Siedlung mit acht Häusern, die inklusive Grundstück nur rund 250.000 Euro kosten und auf den schönen Namen „BoKlok” hören. Ob unter solchen Bedingungen das Pinwheel-Haus überhaupt eine Chance in unseren Breiten hat? Wir werden sehen!

Volker Thies

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