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| „Juicy Salif”: spektakulärer Entwurf, spektakulär unpraktisch (Foto: Alessi) |
Eine Armatur von Philippe Starck. Oder: Wie Design zur Demut erzieht
15.12.2010
Philippe Starck ist toll. Er ist völlig zu Recht reich und berühmt und seit zwei Jahrzehnten ein echter, ein wahrer Star des Designs. Allerdings begleitet ihn seit Anbeginn seiner Karriere der Ruf, zwar bemerkenswerte Innovationen zu schaffen, dabei aber nicht immer auf ihre Alltagstauglichkeit zu achten. Da war jener frühe Geniestreich für Alessi: die Zitronenpresse „juicy salif”. Was für ein Auftritt in der Küche! Und was für ein Geschmadder, wenn sie zum Einsatz kam. Denn leider läuft der Zitronensaft, wenn man „juicy salif” benutzt, mitnichten nur in das darunter gestellte Glas, wie er das eigentlich soll, sondern auch an den Zinken des Science-Fiction-Objekts auf die Arbeitsplatte.
Na ja, das ist wirklich lange her, und seither hat Starck ja vieles entwickelt und gestaltet, was ebenso eigenständig wie gebrauchstauglich ist. Vor allem seine Entwürfe fürs Bad sind von großartiger Eleganz und Klarheit. Und hier kommen meine Frau und ich ins Spiel. Wir waren auf der Suche nach einer neuen Armatur für unseren Waschtisch. Der ist nicht ganz klein, stammt aus den späten Siebzigern und verträgt deswegen nichts Fipsiges, Filigranes, Verspieltes. „Die Armatur”, würde der Innenarchitekt sagen, „sollte einen kräftigen, selbstbewussten Akzent setzen.” Wodurch wiederum Philippe Starck ins Spiel kommt, denn selbstbewusste Akzente sind sein Metier.
Sehen Sie mal: die Waschtischarmatur „Serie X”, entworfen für Axor von hansgrohe. Ist die nicht toll und toll selbstbewusst? 14,8 mal 14,8 Zentimeter ist die verchromte Platte, aus der ein Joystick für großes Waschvergnügen herausragt. Zur Not kann sie auch als Schmink- und Rasierspiegel dienen (kleiner Scherz). Außerdem fließt das Wasser in einem breiten Strahl heraus, wie aus einer Felsquelle. Toll! Also bestellten wir das Teil, und der Klempner installierte es.
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| Die schiere, hochglänzende Freude: Starcks Armatur der Serie X (Foto: hansgrohe) |
Der erste Anblick: reine Freude! Genau der selbstbewusste Auftritt, den wir uns vorgestellt hatten: toll. Und das Suchen mit dem Joystick nach der richtigen Einstellung für Wassermenge und Temperatur: vergnüglich. Dann, nur mal zum Test, die Hände gewaschen. Wie angenehm der breite Wasserstrahl! Wunderbar, alles gut, Wasser abgestellt und Hände abgetrocknet. Aber halt – und das?
Wassertropfen auf der Armatur? Der Anblick ist für uns mittlerweile normal, aber zuerst verunsicherte er. Würde man bei jedem Händewaschen oder Zähneputzen die verchromte Platte vollkleckern?
Ja, man würde, man hat und man wird. Wobei es verschiedene Stadien der Verunstaltung der „Serie X” gibt. Frisch sind Wassertropfen ja weniger lästig, getrocknet werden sie zu hässlichen Kalkflecken. Sind die Tropfen mit Zahnpasta oder Seife kontaminiert, wird’s scheußlich. Händewaschen, Zähneputzen, und das mal zwei: eine Verwüstung! Und kein Ausweg?
Doch: erst die Hände abtrocknen und dann die Armatur schließen. Wie viel Wasser (und darin enthaltene Heizwärme) geht dabei verloren? Keine Ahnung. Trotzdem ein blödes Gefühl. Also: erst die Armatur schließen, dann mit dem Handtuch nachpolieren. Und so erzieht der Designer zur Demut vor seinem Produkt.
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| Noch sind Wassertropfen auf der „X”, aber schon bald werden es Kalkflecken sein (Foto: privat) |
Nur der Vollständigkeit halber: Ich habe dann doch mal bei hansgrohe nachgefragt, ob das Problem bekannt sei. Ja, durchaus. Aber es sei kein Problem. Bei Kunden, die sich Entwürfe von Philippe Starck kauften, stehe das Praktische nicht so im Vordergrund. Allesamt demütige Design-Liebhaber, so scheint es.
Sven Rohde