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Parkhaus auf Zeit: Alle Materialien sind wieder verwendbar (Foto: Paul de Ruiter Architects)

Temporäre Architektur: Muss nachhaltig gleich langlebig sein?

04.03.2011

Jetzt sind sie wieder unermüdlich im Einsatz, sammeln Stöckchen und Blätter, Moos und Federn und bereiten ihrem Nachwuchs ein kuscheliges Nest. Schon erstaunlich, dass Vögel diese Arbeit jedes Jahr aufs Neue in Angriff nehmen – ein Heim für eine Saison. Da sind wir Menschen ganz anders: Wenn wir ans Bauen eines Hauses denken, soll es für immer und vielleicht sogar noch für die nachfolgende Generation sein. So war es bisher, doch nun machen neue Hauskonzepte von sich reden, die das Prinzip „Bauen fürs Leben” grundsätzlich infrage stellen.

Von Ausstellungs- oder Veranstaltungsbauten etwa für die Expo ist das Prinzip bekannt: Man erstellt ein Gebäude für einen bestimmten, vorübergehenden Nutzungszweck. Ist der erfüllt, wird es wieder abgebaut. Die Konstruktion ist von vornherein auf eine begrenzte Lebensdauer angelegt. Nun dringt diese sogenannte temporäre Architektur in Bereiche vor, die bisher langlebigeren Bauwerken vorbehalten waren. So entsteht im niederländischen Leiden derzeit ein öffentliches Parkhaus, das für eine zehnjährige, maximal eine doppelt so lange Nutzung vorgesehen ist. Anschließend kann die Fläche anderweitig verwendet werden, ebenso die wieder verwendbaren Bau-Materialien.

Ein zweites Beispiel sind die Pop-up-Häuser (www.ehouseport.com), mit denen die amerikanische Bildhauerin Hally Thatcher das Konzept Fertighaus auf die Spitze treibt: Die Materialien der Low-Budget-Häuser sind vom Beton des Fundaments über den Konstruktionsstahl bis zu den Holzwänden schon einmal recycelt – und nochmals recyclebar. Geliefert wird das Haus flach verpackt wie ein Ikea-Regal, mit Aufbauanleitung auf DVD. Es ist schnell aufgebaut und mit gutem Gewissen wieder abgebaut, wenn das Haus nicht mehr zum Leben passt. Sieht so das Wohnen der Zukunft aus?

Recycling-Haus: Kommt als Selbstbau-Paket ins Haus (Foto: ehouseport)


Ich muss zugeben: Der Trend zum abbaubaren Haus lässt mich tatsächlich einige eingefahrene Denkweisen überprüfen. Zum Beispiel in Bezug auf die Nachhaltigkeit. Als studierte Forstwirtin misstraue ich in diesem Punkt gewohnheitsmäßig erst mal allem, was weniger als 200 Jahre haltbar ist (Maßeinheit: Umtriebszeit Eiche). Aber muss Nachhaltigkeit tatsächlich immer Langlebigkeit bedeuten? Könnte man mit einem kürzeren Lebenszyklus von Häusern nicht viel schneller und effektiver beispielsweise neue energiesparende Bauweisen umsetzen – ohne Altbauten immer wieder aufwendig zu sanieren? Andererseits wird durch die ständige Wiederaufbereitung von Baustoffen ja auch Energie verbraucht. Hier suche ich noch nach hilfreichen Wissenschaftlern, die etwas zur Ökobilanz des gesamten Lebenszyklus der Materialien sagen können.

In den vergangenen Monaten habe ich mich viel mit Altbaumodernisierung beschäftigt, die sich bemüht, den Charakter gewachsener Siedlungen zu erhalten. Da erscheint der Gedanke, ein Haus nach einigen Jahrzehnten wieder abzureißen, ganz schön ketzerisch. Einem Parkhaus würde ich natürlich keine Träne nachweinen. Aber ist eigentlich jedes Wohnhaus erhaltenswert, bloß weil es alt ist? Die Wohnbedürfnisse ändern sich nun mal, selbst im Laufe des Lebens einer Familie. Würden Häuser nicht mehr für Generationen, sondern nur für Lebensphasen gebaut, könnte es auch architektonisch mehr mutigen Neuanfang geben.

In der Praxis bleibt temporäre Architektur für Wohnhäuser in unseren Breiten sicher vorerst noch die Ausnahme. Aber wir sollten uns schon mal darauf vorbereiten. Unverzichtbar wäre hierzulande natürlich ein Qualitätssiegel für die Häuser aus der Schachtel. Die hießen dann etwa „Zu 80 Prozent recyclebar” oder „Vollständig kompostierbar”. TÜV, Blauer Engel oder Natureplus – bitte übernehmen!

Ingrid Lorbach

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