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| Von der Wiege zur Wiege – wer nach diesem Prinzip produziert, erhält das Zertifikat. (Alle Fotos: EPEA) |
Von der Wiege bis zur Wiege: Umweltschutz einmal anders
06.09.2011, 13:55 Uhr
Umweltschutz, ökologisches Handeln – bei diesen Begriffen denken wir fast schon gebetsmühlenartig an Energiesparen und Konsumverzicht. Doch es geht auch anders. Das ist zumindest die Vision des Konzepts „Cradle to Cradle” („von der Wiege bis zur Wiege”) oder, wie es im beliebten SMS-Stil auch heißt, „C2C”. Entwickelt von dem deutschen Chemiker Michael Braungart und dem amerikanischen Architekten William McDonough, beruht dieses Prinzip grob gesagt auf der Idee, ganz einfach keinen Abfall mehr zu produzieren. Klingt utopisch? Nun, vielleicht im ersten Moment, doch bei näherer Betrachtung erweist sich das Ganze als erstaunlich durchdacht – zumindest in der Theorie.
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| Biologische Produkte gehen nach dem Verbrauch wieder in die Natur ein, technische Produkte nehmen die Hersteller zurück und verwerten sie neu. |
Braungart und McDonough teilen sämtliche Stoffe in zwei Gruppen ein, und zwar in die „biologischen” und die „technischen Nährstoffe”. Erstere umfassen Materialen, die bedenkenlos in die Umwelt gelangen können und damit Teil des sogenannten „biologischen Kreislaufs” sind. Die technischen Nährstoffe wie etwa Metalle und Kunststoffe bleiben dabei außen vor und bilden ihren eigenen „technischen Kreislauf”. Nach dem Cradle-to Cradle-Prinzip sollen nun sämtliche Güter, die produziert, konsumiert und weiterverarbeitet werden, immer Teil ihres jeweiligen Kreislaufs bleiben. Im Klartext: Verbrauchsgüter wie etwa Reinigungsmittel, Kosmetikprodukte oder auch Kleidung bestehen idealerweise komplett aus natürlichen Nährstoffen, die bedenkenlos in die Umwelt zurückgelangen können. Gebrauchsgüter, zum Beispiel Elektrogeräte, sind so konzipiert, dass sie nach der Nutzung zunächst komplett und schadstofffrei in ihre einzelnen technischen Nährstoffe zerlegt und dann wieder in neuen Gütern verarbeitet werden.
In diesem Zusammenhang werfen Braungart und McDonough auch die Idee auf, Gebrauchsgüter nur noch auf Leihbasis abzugeben. Das heißt, der Produzent vermietet sein Produkt, etwa einen Teppichboden, nur noch an den Nutzer und nimmt ihn nach Gebrauch wieder zurück, um ihn fachgerecht wieder dem Nährstoffkreislauf zuzuführen. „Von der Wiege bis zur Wiege” bildet mit seiner zyklischen Produktionsweise somit einen direkten Gegensatz zum Modell „Von der Wiege bis zur Bahre”, wo Produktion und Konsum einem linearen, also endlichen Gebrauch unterliegen. Konsum bedeutet nun also nicht mehr Verbrauch, sondern nur noch Nutzung. Klar kann man argumentieren, dass die Umsetzung eines solchen Prinzips schon allein daran scheitert, dass für die Produktion vieler Güter Stoffe gebraucht werden, die weder natürlich zu entsorgen noch wiederzuverwerten sind. Doch gerade dies ist Braungart und McDonough ein Anliegen: Sie fordern die Entwicklung neuer Ideen und Technologien, um Umweltschäden gar nicht erst entstehen zu lassen. Damit packen das Übel direkt an der Wurzel, statt nur ständig zu versuchen, bereits vorhandene Schäden im Nachhinein zu minimieren.
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| Modenschau: Trigema bietet kompostierbare Cradle-to-Cradle-Kleidung an. |
Obwohl einer der Väter des C2C-Prinzips Deutscher ist, hat die Idee hierzulande, verglichen etwa mit den Niederlanden, bis heute nur wenige Anhänger. Trotzdem finden sich auch bei uns bereits einige Firmen, die sich dem Cradle-to-Cradle-Gedanken widmen. Der Bekleidungshersteller Trigema etwa bietet eine gesamte Produktlinie von Cradle-to-Cradle-Kleidung an, die zu 100 Prozent kompostierbar ist. Auch die Rheinzink GmbH produziert ihre Dach- und Fassadenverkleidungen seit 2009 mit dem C2C-Zertifikat der EPEA (Environmental Protection Encouragement Agency), dem Beratungs- und Forschungsinstitut unter der Leitung von Michael Braungart. International gibt es mittlerweile Hunderte Unternehmen, die sich dem-Cradle-to-Cradle-Prinzip verschrieben haben. Darunter sind auch Großkonzerne wie Philips, Procter & Gamble und Schott, die zumindest Einzelerzeugnisse nach den Kriterien des C2C entwickeln. Die Firmen decken dabei alle möglichen Produktbereiche ab, vom Shampoo über Möbel, Baustoffe und Kleidung bis hin zu elektronischen Geräten.
Doch was bringt uns das Ganze nun? Sicher, das Cradle-to-Cradle-Prinzip ist ein sehr interessanter Ansatz. Die Idee, nicht einfach nur das Schlechte besser zu machen, sondern von vornherein gut zu handeln, ist auch im Bereich Ökologie durchaus lobenswert. Doch ein Problem bleibt offensichtlich und drückt sich auch anschaulich im Titel von Braungarts zweitem Buch aus: „Die nächste industrielle Revolution”. Denn genau die wäre nötig, um Braungarts Konzept umfassend umzusetzen. Eine Revolution. Eine fast vollkommene Neuerfindung unserer gesamten Produktionsprozesse und Verwertungstechnologien. Denn wenn wir unsere Kleidung demnächst kompostieren, was machen wir dann mit den anfallenden Millionen Tonnen Kompost? Baumgart würde meine Einstellung pessimistisch nennen, aber eine so umfassende Umwälzung weltweiter Mechanismen halte ich für utopisch. Dennoch: Umzusetzen, was möglich ist, kann eine sinnvolle Ergänzung zum „konventionellen” Umweltschutz sein. Denn auch nur eine gute Idee ungenutzt zu lassen, können wir uns einfach nicht mehr leisten.
Carmen Rudolph