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| Natürliche Klimatisierung durch schattenspendende Gebäude (Foto: Masdar City) |
Umweltstadt im Wüstensand: Masdar City im Emirat Abu Dhabi
07.07.2011, 12:26 Uhr
Wohin reist ein Hollywoodregisseur, der sein Filmpublikum gern in fremde Welten entführt und mit futuristischen Technologien konfrontiert? James Cameron, der mit „Avatar” das Kino neu erfunden und den Kollegen mit ihrem Billig-3D mal gezeigt hat, wie die Filme der dritten Dimension aussehen können, besuchte im März 2011 Masdar City in Abu Dhabi. Dort wurde ihm klar, dass die „Fiction” durchaus mal von der „Science” eingeholt werden kann: War der Film „Avatar” ein kleiner Apell an das grüne Gewissen, so entsteht in Masdar City die grüne Stadt der Zukunft.
Lange Zeit stand das Emirat Abu Dhabi im Schatten Dubais. Trotz ihrer ausgeprägten Rivalität haben die Herrscher der beiden Emirate eines gemeinsam: Sie denken an die Zeit, wenn das Öl versiegt sein wird. Dubai investierte massiv in den Tourismus und klotzte einen Wolkenkratzer neben den anderen – um dann von der Finanzkrise ziemlich kalt erwischt zu werden. Scheich Khalifa bin Zayed Al Nahyan hingegen wählte einen anderen Schwerpunkt und positioniert „sein” Abu Dhabi als Hightechstandort und Ökovorreiter. Das Emirat hat es auch nötig, bescheinigte ihm der WWF (World Wide Fund for Nature) doch mehrere Jahre hintereinander den mit Abstand schlechtesten ökologischen Fußabdruck der Welt.
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| Solarmodule versorgen die Stadt mit Energie, Windfangtürme kühlen die Straßen (Foto: Masdar City) |
In Masdar City, dessen Name vom arabischen Wort für „Quelle” kommt, soll alles anders werden. Masdar City ist eine Stadt vom Reißbrett, genauer: vom Reißbrett des britischen Stararchitekten Lord Norman Foster, der uns auch die Kuppel auf dem Reichstag beschert hat. 30 Kilometer von der Hauptstadt Abu Dhabi entfernt stampfen die Baufirmen derzeit einen Lebensraum für 40.000 Menschen aus dem sandigen Boden. Das hehre Ziel: Masdar City soll die erste CO2-neutrale Stadt der Welt werden. Doch wie soll das bei Temperaturen von 50 Grad Celsius im Sommer gelingen? Hierfür entwickelten die Architekten ungewöhnliche Entwürfe, die traditionelle arabische Bauformen mit Hightech verbinden. Die Gebäude stehen dicht an dicht und spenden einander und den extrem schmalen Gassen dazwischen Schatten – mit dem Effekt, dass bereits heute das Thermometer zwischen den Häusern rund zehn Grad Celsius weniger anzeigt als in der Hauptstadt. Plätze werden mit solarbetriebenen Schirmen beschattet und riesige Windfänge leiten den Luftzug aus den oberen Luftschichten direkt dahin, wo sich die Menschen aufhalten.
Wo viel Energie verbraucht wird, soll sie natürlich erneuerbar sein. Und in der Wüste denkt jeder sofort an – na klar – Solarenergie. Rund 88.000 Solarmodule auf einer Fläche von 22 Hektar erzeugen derzeit rund 10 Megawatt Strom. Müll wird in der eigenen Recyclinganlage wiederverwertet. Die Straßen und Wege sind, anders als üblich, nicht auf Autos, sondern auf Fußgänger ausgerichtet. Für längere Wege sind Elektrobusse und eine Metrolinie geplant, die Masdar City mit der Hauptstadt verbinden sollen. Eine besonders pfiffige Idee sind die PRTs (Personal Rapid Transport), kleine Kabinentaxis, die wie eine private Bahn funktionieren: Zwei bis vier Insassen können sich von den elektrisch angetriebenen Minifahrzeugen an jeden beliebigen Punkt der Stadt kutschieren lassen.
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| Autos müssen draußen bleiben (Foto: Masdar City) |
Die große Frage, die über dem Mammutprojekt wie ein Damoklesschwert hängt, ist: Wird die Stadt in der Wüste nicht ein monströses Nullsummenspiel? Sozusagen eine gigantomanische Milchmädchenrechnung, weil die eingesparten Treibhausgase beim Betrieb des Ökotopias als Emissionszertifikate weiterverkauft werden sollen. Masdar City wäre dann so etwas wie der Greenwash-Schleudergang einer Region, die aufgrund ihrer Abhängigkeit vom Öl ökologisch immer noch pechschwarz dasteht. Mag sein. Trotzdem: Die kühne Vision ist begrüßenswert. Schließlich ist Masdar nicht nur ein städtebauliches Experiment, sondern sozusagen eine Art Labor für grüne Technologien. Hier soll geforscht, analysiert, experimentiert, entwickelt und erprobt werden. Nicht nur theoretisch sondern praktisch. Nicht nur in einem kleinen Institut, sondern in großem Maßstab. Einmal schon wurde der ursprünglich auf 2016 gesetzte Termin bereits verschoben – auf 2025. Hoffen wir, dass die grüne Wüstenstadt nicht bloß Science-Fiction bleibt. Es wäre doch schade drum.
Christian Mascheck
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