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Einfach unterirdisch: parken, flanieren, shoppen.(Animationen: Zwarts & Jansma)

Schöne neue Welt

15.12.2011, 12:10 Uhr

Hochhaus-Riesen und eine imposante Skyline sucht man in Amsterdam vergebens – stattdessen wollen Architekten dort jetzt tief hinab ins Erdreich. Unter die Grachten. In dieser unwirtlichen Welt, umgeben von Gestein und Erde, parken dann Tausende von Autos. Um die Ecke spielen Menschen. Vielleicht Squash, vielleicht Tennis oder Fußball. In großen Kinosälen laufen die neuesten Filme. Und auch den Nachbarn würde man dort treffen, beim Einkaufen oder auf einen Kaffee. Unter der Erde von Amsterdam. Amfora heißt diese Welt im Untergrund, unterhalb der Kanäle, die Amsterdam bereits jetzt durchziehen: eine Kopie der Jahrhunderte alten Kanalstruktur. Dabei steht das Kunstwort Amfora für "Alternatieve Multifunctionele Ondergrondse Ruimte Amsterdam", was soviel heißt wie „Alternativer, multifunktioneller Untergrund-Raum für Amsterdam”.

Erdacht und geplant von visionären Menschen, die mit diesem Szenario keine Science-Fiction-Bücher füllen möchten. Der Ingenieur Bas Obladen vom Baukonzern Strukton Engineering und der Architekt Rob Torsing vom Büro Zwarts & Jansma wollen den Amsterdamern zu mehr Lebensqualität verhelfen. In sieben Jahren könnte das Projekt Amfora starten. Zehn oder 20 Jahre könnten bis zum Bauende vergehen.

Solch eine Stadt unter der Stadt ist die Antwort auf unhaltbare Zustände: in Lärm und Abgasen versinkende Großstädte. Dabei gehen die Planungen über die zu Großstädten wie Amsterdam, München oder Berlin hinaus. Es geht um ganze Regionen wie etwa das Ruhrgebiet. Profitieren von den unterirdischen Bauvisionen sollen die richtig großen Metropolen. Erst recht sogenannte Mega-Cities mit zig Millionen Einwohnern.

Amfora: schöne neue Unterwelt.

Dabei ist die Idee, die Stadt unter die Erdoberfläche zu verlagern, nicht neu. Ein Sprung zurück in die Zeit vor Christi Geburt zeigt, was die Meister der Architektur in Kappadokien, im Süden der Türkei, ohne moderne Maschinen erschaffen hatten: unterirdische Städte für Tausende von Menschen, angelegt auf mehreren Stockwerken.

Wer heute in einer Stadt unter Tage flanieren möchte, fliegt nach Montréal: Besonders im Winter flüchten die Bewohner der kanadischen Metropole in ausgedehnte unterirdische Einkaufs- und Freizeit-Zentren. Auch Moskau ist berühmt für seine „tiefer gelegte” Architektur: Dort lässt sich in prachtvollen Metro-Stationen flanieren. In der russischen Hauptstadt, so heißt es, hätten die Regierung und ihre Planer in den vergangenen Jahren immer wieder ein unterirdisches, zweites Moskau vorgestellt. 2009 berief sich die Internet-Zeitschrift Eurasisches Magazin auf eine Aussage aus Regierungskreisen, wonach bis zu 80 Prozent aller Lagerräume, 70 Prozent aller Parkplätze und 30 Prozent der Dienstleistungsunternehmen unterirdisch Platz fänden. Über der Erde bleiben sollten hingegen Wohnhäuser, Krankenhäuser, Schulen, Kindergärten und Parkanlagen. Noch ist das Zukunftsmusik. Zum Glück.

Auch international renommierte Architekten wie Tadao Ando möchten unter die Erde. Der Pritzker-Preis-Träger, der durch den japanischen Expo-Pavillon 1992 in Sevilla bekannt wurde, plädiert fürs Wohnen im Erdreich. Radikal mutet seine Idee an, denn er versenkt seine Bauwerke in den Untergrund, und schafft dort Architektur. Tadao scheint es nicht nur um einzelne Gebäude zu gehen, die im Unsichtbaren verschwinden; auch er denkt an ganze Städte, die gleichsam in der Erde versinken.

Auch Herausforderungen wie ein gigantischer Warenfluss oder eine flächendeckende Versorgung sind mit neuen Strukturen in der Tiefe lösbar. „Das System CargoCap ist das Ideal schlechthin, auch für Städte im Untergrund”, meint Dietrich Stein. Als geschäftsführender Gesellschafter der CargoCap GmbH in Bochum steht der Ingenieur für ein raffiniertes Transportsystem, bei dem Güter in Ballungsräumen durch unterirdische Fahrrohrleitungen mithilfe intelligenter Kapseln zu ihrem Zielort gelangen. Das geschieht unabhängig von oberirdischen Verkehrsstaus – bei Sonnenschein, aber auch bei Regen, Schnee oder heftigem Sturm. Das System sei so konzipiert, erklärt Stein, dass es auch „direkt am Lager eines Kaufhauses oder am Band eines Industrieunternehmens” halten könne. „Technisch haben wir das System bis zur Einsatzreife entwickelt und stehen Gewehr bei Fuß für den Alltagseinsatz von CargoCap." Es geht um Vertragsabschlüsse mit Kooperationspartnern in der Industrie – auch international. Es geht um moderne Untergrund-Logistik. Und es geht natürlich um viel Geld.

Daniel Grosse

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